Geschenke aus der Vergangenheit

Wer den Wert bestehender Dinge respektiert und damit oder daraus Neues entwickelt, kann sich und andere beschenken.

Morgengedanken 24.10.2018 zum Nachhören:

Eines werde ich immer aus vollem Herzen sagen können: Rom ist bildschön. Den Römern und den Päpsten sei Dank. Ihre große Geschichte hat diese Stadt Schicht um Schicht geformt, von unten nach oben. Wissen Sie, was am tiefsten Punkt von Rom steht, vom Tiber abgesehen? Am tiefsten Punkt von Rom steht das Pantheon, das früher ein römischer Tempel war und schon lange eine Kirche ist.

Gudrun Sailer
stammt aus dem Pielachtal in Niederösterreich. Sie lebt in Rom und ist dort seit vielen Jahren Journalistin im Vatikan.

Vom Erbe zum Geschenk

Warum am tiefsten Punkt? Weil die Römer und die Päpste über die Jahrhunderte nicht sehr respektvoll mit den Bauten ihrer Vorgänger umgegangen sind. Die Säulen und den Marmor haben sie abmontiert, den eingestürzten Rest platt gewalzt und dann etwas Neues darauf gebaut. Deshalb ist Rom mit der Zeit immer ein wenig dem Himmel entgegengewachsen, sozusagen. Nur das Pantheon ist immer unten geblieben, wie am Boden eines Trichters, es wurde nicht angerührt – weil es eben schon früh eine Kirche war. Seine Taufe, nennen wir es so, hat diesen Tempel vor dem Plattmachen geschützt.

Was wir sind und wie wir leben hängt auch mit jenen zusammen, die vor uns da waren. Ihre Errungenschaften sind unser Erbe. Geschenke aus der Vergangenheit. Und jedes Mal neu müssen wir lernen, dieses Erbe nicht platt zu machen, sondern es so umzugestalten, dass wir gut darin leben können. Nur dann wird das Erbe zum Geschenk – an uns, und über uns an die, die nach uns kommen.