Der deutsche Bettler

Über das Fragen und Antworten erzählt Gudrun Sailer heute in den Morgengedanken – am Beispiel einer Begegnung aus ihrem Alltag in Rom.

Morgengedanken 25.10.2018 zum Nachhören:

In unserem Stadtviertel in Rom lebt auf der Straße ein Bettler aus Deutschland. Er kommt aus dem Ruhrgebiet, ist vor Jahren mit dem Zug angereist und dann hier hängengeblieben. In ein Obdachlosenheim will er nicht, da klauen sie ihm seine Sachen, sagt er, und zurück ins Ruhrgebiet will er auch nicht, naja, vielleicht irgendwann, ich habe ihm versprochen zu helfen, wenn er das möchte.

Gudrun Sailer
stammt aus dem Pielachtal in Niederösterreich. Sie lebt in Rom und ist dort seit vielen Jahren Journalistin im Vatikan.

Der Pakt

Er heißt Burkhard, und Burkhard und ich, wir haben eine Abmachung: Er soll mich nicht nach Geld fragen. Ich gebe ihm selber Geld, ab und zu, und ich gebe ihm Scheine statt Münzen. Nur fragen soll er mich nicht. Er tut es trotzdem. Dann erinnere ich an unseren Pakt und vertröste ihn auf ein nächstes Mal, sage ihm, da muss ich mich ja dann beeilen, den Schein aus der Tasche zu holen, bevor du mich fragst.

Ob die Abmachung zwischen Burkhard und mir wirklich in Ordnung ist, weiß ich nicht. Er ist ein Bettler, und ich bin reich, für seine Begriffe sicher. Ja, er steckt mein Geld sofort in Bier, aber ist das nicht - sein Bier? Darf ich das überhaupt, einen erwachsenen Mann erziehen? Einen, der es sichtlich viel schlechter getroffen hat als ich? Was bin ich ihm schuldig? Meine Antworten? Die schwanken. Aber wenn es stimmt, dass Fragen manchmal wichtiger sind als Antworten, dann stehe ich in Burkhards Schuld. Nicht er in meiner.