Dunkle Seiten des Christentums

Vor 80 Jahren ereignete sich der erste Höhepunkt der Judenverfolgung. Dass die Kirchen dafür auch Mitverantwortung tragen, davon erzählt heute Olivier Dantine.

Morgengedanken 6.11.2018 zum Nachhören:

Die Geschichte der christlichen Kirchen hat auch viele dunkle Seiten. Mir wird das jedes Jahr Anfang November bewusst, wenn wir auf den 9. November, den Gedenktag der Novemberpogrome in Deutschland und Österreich vor 80 Jahren zugehen. Was sich in dieser Nacht an Judenverfolgung grausam zugespitzt hat, hat eine der vielen Ursachen im Christentum.

Olivier Dantine
ist Superintendent der evangelischen Kirche für Salzburg und Tirol

Hetzschriften gegen Juden

Die christliche Judenfeindschaft hat leider eine lange Tradition. Von Anfang an wurde behauptet, dass die Juden die Schuld am Tod Jesu tragen. Eine Behauptung, die einer genaueren historischen Überprüfung nicht standhält. Besonders absurd war, dass alle Juden zu allen Zeiten des Gottesmordes beschuldigt wurden. Gerade die Kirchen haben darauf gedrängt, Jüdinnen und Juden große Einschränkungen aufzuerlegen und sie damit als Bürgerinnen und Bürger zweiter Klasse zu behandeln. Selbst wenn sich Juden taufen ließen, ist das mit Argwohn bedacht worden – machen sie das etwa nur, um einen Vorteil daraus zu haben?

Als evangelischer Theologe besonders beschämend finde ich die Haltung des großen Reformators Martin Luther. Von ihm stammen fürchterliche Hetzschriften gegen Juden, in denen er etwa fordert, Synagogen in Brand zu stecken – das, was die Nazis vier Jahrhunderte später in die Tat umgesetzt haben. Gut, dass mittlerweile die Kirchen anders denken: Sie wissen, dass das Judentum die Wurzel des Christentums ist, und sehen im Jüdischen Volk Gottes erste Liebe.